prag

stadtführer

von Bernd Polster, Fotos: Bernd Polster u.a.

144 Seiten, erschienen im Dumont Buchverlag, Köln 2000

 

Schichten der Geschichte


Straßenbahnen klingeln. Polizeisirenen heulen. Reifen quietschen auf holprigem Kopfsteinpflaster. Prags Autofahrer haben es eilig. Bauchladenhändler, die Fußtruppen der neuen Marktwirtschaft, sind ständig auf den Beinen. Und irgendwo gibt immer eine Band auf irgendeinem Bürgersteig gerade ein Stegreifkonzert. Das Prag von heute hat seine ganz besondere Geräuschkulisse und seinen eigenen Rhythmus. Bauarbeiter schlagen den Takt. Hier wird bröckelnder Putz abgeklopft, dort eine neue Fassade hochgezogen. Renovierung ist hier ein Dauerzustand. Zugleich ist auch das Leben der Menschen ständig im Umbau.

 

Prags Promenade ist der Wenzelsplatz, ein Zwitter zwischen Platz und Prachtstraße, breit wie ein Fußballfeld und übervoll von Architektur und Geschichte. Die Stadt der großen Ausblicke ist zugleich auch ein vertracktes Labyrinth, in dem sich bisher noch jeder Prag-Anfänger einmal verloren hat. Wenn der Abend vielleicht schon ein paar Biere alt ist und auf dem Heimweg der Mond über den Altstadtgiebeln steht, stellt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit nach wenigen Minuten akute Verunsicherung ein, denn die Straßen verlaufen nie in der Richtung, die man eigentlich einhalten möchte. Prags unordentlicher Stadtplan zwingt zu Schwenks und Spitzkehren. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem man keinen blassen Schimmer mehr hat, wo man sich befindet. Dann beschleicht den Veirrten das leise Gefühl von Verlorenheit. Aber vielleicht wird er auch neugierig. Denn jede dieser unbekannten Ecken, dieser Durchstiche, Hinterhöfe, verzweigten Passagemn und verschwiegenen Plätzen ist eine kleine verborgene Welt, ein Stück geheimnisvolles Prag.

 

Leseprobe: Kafkas Prag